Alles erreicht


Der Power-Greif Scania S730 im Test. Zugegeben, die Faszination für ihn ist allgegenwärtig.

Der Scania S730 – Spaßmaschine, Jobmotivator, Ausnahmetalent und trotzdem auf gute Haushaltsführung bedacht

Nach den vielen Lorbeeren, die dem neuen King bisher gestreut wurden, folgt unser Test dieses nicht alltäglichen Lkw. Entsprechend hoch sind unsere Erwartungen. Das neue Fahrerhaus, nochmals höher gelegen, mit mehr Raum und ebenem Boden, mehr Stauraum, reichlichen Verbesserungen an Optik, Aerodynamik und Antriebstechnik weckte unsere Neugier über alle Maßen.

Imposante Erscheinung

Das in „Fiction blue“ lackierte S-Fahrerhaus beindruckt allein schon durch seine großen Dimensionen und wirkt mit seinem eindrucksvollen Kühlergrill wie aus einem Guss. Auch die Zusatzausrüstungen wie Windabweiser und Seitenschürzen wurden elegant in das Gesamtdesign integriert. Unschwer zu erkennen, dass die Aerodynamik ein Hauptanliegen der Fahrzeugdesigner war. Sowohl die Front als auch die Seitenlinien und sogar der Bereich unter dem Fahrzeug wurden so gestaltet, dass der Luftwiderstand minimiert wird. Auch die äußeren Elemente wie Rückspiegel, Scheinwerfer und Scheibenwischer wurden diesem Prinzip unterworfen. Laut Scania soll durch diese Maßnahmen eine Kraftstoffeinsparung von bis zu 2 % erreicht werden. Die verbesserte Aerodynamik kommt auch dem Fahrer zugute, da der Geräuschpegel innerhalb der Kabine gesenkt wird. Dem gleichen Zweck dienen auch spezielle geräusch- und vibrationsdämmende Beläge im Fußraum und sich ausdehnende Dämmmaterialien in verschiedenen Hohlräumen. Die Spaltmaße der Karosserie sind auf ein Minimum reduziert und weisen auf die hohe Qualität des Fahrerhauses hin. Die Struktur des Fahrerhauses besteht aus hochfestem Stahl. Die verschiedenen Elemente werden gepresst oder gewalzt und schließlich mit den modernsten Schweiß- und Hightech-Klebetechniken sowie Laserlöten miteinander verbunden. So entsteht eine besonders robuste selbsttragende Konstruktion in Monocoque-Bauweise. Diese modulare Bauweise vereinfacht die Reparatur von Scania-Fahrerhäusern nach einem eventuellen Unfall.

Das neue Traumhaus

Über vier genau richtig dimensionierte rutschfeste Stufen steigen wir bequem in das Fahrerhaus ein. Die erste Stufe ist dabei etwas nach außen versetzt, wodurch das Einsteigen noch weiter erleichtert wird. Mit der großzügige Kabine motiviert man Fahrer. Das Fahrerhaus der neuen Generation wurde um über 5 cm länger und um bis zu 16 cm höher (Highline-Dach) als bisher und bietet mit seinem komplett flachen Fahrerhausboden ein maximales Platzangebot. Die schwarzen Premiumsitze mit roten Nähten sind vielfach verstellbar und vermitteln dem Fahrer mit der V8-Prägung in der Kopfstütze, in welch exklusivem Truck er sich befindet. Der Innenraum des Fahrzeugs strahlt höchste Gediegenheit aus und wir fühlen uns sofort wie in einem Pkw der Luxusklasse. Understatement ist nicht die Sache des Scania S730. Das V8-Emblem ist immerhin fünfmal außen am Fahrzeug angebracht, und das ist gut so. Ein Fahrer, der mit einem solchen Truck unterwegs ist, kann sich der Aufmerksamkeit der Kollegen sicher sein. Und es tut schon mal gut, wenn gestresste Fahrer auf ihren tollen Truck angesprochen werden. Auch im Innenraum zeigt der Scania seine V8-Symbole auf den Türverkleidungen, auf den bereits erwähnten Kopfstützen, auf der Beifahrerseite des Armaturenbretts und sogar auf der Schutzmatte zwischen Fahrersitz und Beifahrersitz. Aber wirklich stylisch ist das V8-Emblem mit dazugehörenden roten Leuchtleisten mit Helligkeitsregelung über dem Bett. Rote Zierstreifen am Armaturenträger, rote Ziernähte am Multifunktionslenkrad, an den Türverkleidungen und an den Sitzen verstärken das gute Gefühl, in einem Ausnahmetruck zu sitzen.

Vier Außenstauräume (beideitig je zwei) sind im S20-Fahrerhaus verfügbar. Vier statt zuvor drei Stufen bis zum Einstieg

Die Fahrerposition wurde in der neuen Fahrerhausgeneration um 65 mm nach vorne und um 20 mm nach außen versetzt. Zusätzlich dazu wurden die Instrumententafel abgesenkt, die Scheibenflächen vergrößert, die A-Säulen optimiert und die Türverkleidungen schlanker, was einen deutlich verbesserten Überblick für den Fahrer bringt. Das neue Wischersystem sorgt obendrein bei schlechtem Wetter mit einem größeren Wischbereich für gute Sicht. Die neuen elektrisch verstellbaren und beheizbaren Rückspiegel lassen zudem eine gute Übersicht nach hinten zu, ohne aber die Sicht des Fahrers zu stark zu beeinträchtigen.

Neuer Arbeitsplatz im S-Highline-Fahrerhaus, viele Funktionen lassen sich am unten abgeflachten Lenkrad einstellen.

Die einzelnen Instrumente sind hervorragend ablesbar, da viele Informationen analog und digital dargestellt werden. In der Mitte zwischen Geschwindigkeitsanzeige und Drehzahlmesser befindet sich ein zentrales Display, das uns eine Menge weiterer Informationen zur Verfügung stellt. Die neuen Instrumente schaffen es, dem Fahrer alle wichtigen Daten des Fahrzeugs auf einen Blick anzuzeigen. Ein Premium-Infotainment-System rechts vom Fahrer wird mit 7"-Display angeboten. Das Gerät verfügt über eine AUX-, USB- und Bluetooth-Schnittstelle, mit der auch zwei unterschiedliche Mobiltelefone gekoppelt werden können.

Rote Leuchtleisten in Bettnähe, der Beifahrersitz ist drehbar.

Das Ledermultifunktionslenkrad lässt sich stufenlos in Höhe und Neigung verstellen und wir können Tempomat sowie Radio/CD und viele weitere Funktionen bedienen, ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen. Die Bedienelemente sind für den Fahrer leicht zu erreichen. Gewöhnt haben wir uns nun an den in der Türverkleidung platzierten Lichtschalter. Ablagemöglichkeiten sind in dieser „single driver concept“-Kabine natürlich in ausreichender Zahl vorhanden und sehr gut erreichbar. Um den Komfort noch weiter zu erhöhen, ist die S-Kabine mit einer zusätzlichen Isolierung versehen, was zu einer fast schon unerreichten Laufruhe und ungestörten Nachtruhe führt. Mit der Regelbarkeit der Innenbeleuchtung können verschiedene Stimmungen im Fahrerhaus erzeugt werden.

Motor und Getriebe

Alle Scania-Motoren wurden wieder weiterentwickelt. Zu den Neuerungen zählen ein überarbeiteter Brennraum, neue Injektoren, eine thermostatische Ölkühlung und ein direkt angetriebener Kühlerlüfter. Unser Fahrzeug ist mit dem leistungsstärksten Motor der gesamten Scania-Motorenpalette ausgerüstet, dem Scania DC16-Motor. Es handelt sich dabei um einen V8 (90°) Dieselmotor mit Abgasturbolader, der eine maximale Leistung von 730 PS bei einer Drehzahl von 1.900 U/min und ein maximales Drehmoment von 3500 Nm über den breiten Drehzahlbereich von 1.000–1.400 U/min bereitstellt. Um diese Leistungsdaten zu verdeutlichen: Mit der brachialen Leistungsentfaltung dieses Motors ist es möglich, den 40 t-Truck in knapp 30 s von null auf rund 80 km/h zu beschleunigen. Um die Euro 6-Abgasnorm zu erfüllen, setzt Scania auf eine Abgasnachbehandlung mittels EGR, VGT, DOC, DPF und SCR.

Unser Truck bringt seine Leistung mithilfe des automatisierten Scania Opticruise-Getriebes GRSO925R auf die Fahrbahn. Es besitzt zwölf Gänge mit zusätzlichen zwei Crawler- und zwei Retourgängen. Die Schaltzeiten wurden beim Hochschalten mithilfe einer neuen Vorgelegewellenbremse erheblich reduziert, was zu verkürzten Zugkraftunterbrechungen, einem verbesserten Aufrechterhalten des Ladedrucks und einem noch weicheren Schaltgefühl führt.

Assistenzsysteme

Unser Testfahrzeug S730 ist mit allen Sicherheitsextras ausgestattet, die heute Standard sind. Dazu gehören die erweiterte Notbremsfunktion (AEB, Advanced Emergency Brake), das elektronische Bremssystem EBS, das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP), ein Spurhalteassistent (LDW/Lane Departure Warning), die Abstandsregelung ACC und ein Hillholder, der das unbeabsichtigte Zurückrollen verhindert. In das Fahrerhausdach sind die revolutionären Seitenairbags integriert, die den Fahrer beim Umkippen bzw. beim Überschlagen des Fahrzeugs schützen sollen.

CCAP GPS-Tempomat

Auch der kräftigste Scania-Bolide ist auf sparsames Fahren bedacht. Das Testfahrzeug ist mit dem GPS-gestützten Tempomat (CCAP/Cruise Control Active Prediction) ausgestattet, der mit drei neuen Funktionen ausgerüstet wurde, um den Kraftstoffverbrauch weiter zu senken. Nun kann die Mindestgeschwindigkeit des Tempomats variiert werden. Im Eco-Modus sind minus 12 % der gesetzten Geschwindigkeit fix vorgegeben. Nun können wir in diesem Modus auch minus 10 % und minus 8 % wählen. Im Standard-Modus kann zwischen minus 6 %, minus 4 % und minus 2 % gewählt werden. Die neue „Pulse and Glide“-Funktion steigert im Eco-Mode die Geschwindigkeit leicht (Pulse), um eine längere Eco-roll-Phase (Glide) zu erreichen. Auf Teilstrecken mit leichtem Gefälle fällt uns diese Funktion besonders auf. Der Lkw beschleunigt dabei auf 82 km/h, um danach in scheinbar endlosen Eco-roll-Phasen den Schwung auszunützen.

„Downhill Speed Control with Active Prediction“ ist eine werkseitig nicht aktivierte neue Funktion, welche die Geschwindigkeit am Ende eines Gefälles in die Ebene derart mitnimmt, dass ein Eintrag am Tachografen vermieden wird. Da wir den Bremstempomat auf 90 km/h gestellt haben, ist ein Eintrag auf die Fahrerkarte sowieso kein Thema. Diese Funktion könnte vom Besitzer nachträglich aktiviert werden.

Unsere Testrunde

Unsere Testfahrt starten wir wie immer im sparsamen Eco-Mode mit einer Tempomatgeschwindigkeit von 80 km/h (Mindestgeschwindigkeit von minus 12 %) um einen niedrigen Kraftstoffkonsum zu erreichen. Also lassen wir unseren 730 PS-Luxusliner mit gemächlichen 80 km/h bei zirka 1.000 U/min über unsere Teststrecke rollen und erfreuen uns am dezenten V8-Sound. Der Motor überzeugt durch seine hervorragende Laufruhe und überträgt keinerlei Vibrationen in den Innenraum. Für zusätzlichen Komfort beim Fahrer sorgt die optional lieferbare Vorderachsluftfederung, die sich aber in der Gewichtsbilanz des Fahrzeugs unangenehm bemerkbar macht, da der Rahmen verstärkt ausgelegt sein muss.

Auf den Steigungen unserer Teststrecke zeigt der Lkw, was er wirklich kann. Er fliegt mit voller Ausladung dem Semmering-Pass regelrecht entgegen und erreicht an den steilsten Anstiegen immerhin 69 km/h. Auch das Bergabfahren meistert das Fahrzeug wie erwartet mit Bravour. Die Lenkung arbeitet ausgesprochen zielgenau und direkt und das Fahrverhalten ist außerordentlich stabil. Die Bremsanlage des Trucks ist rundum mit Scheibenbremsen ausgerüstet. Zusätzlich leistet die automatische Motorbremse bis zu 320 kW und der Scania Retarder R4100D (mit Freilauffunktion) eine maximale Bremsleistung von 500 kW. Mit solchen Bremsleistungsdaten sorgt das Fahrzeug immer für ein sicheres Gefühl beim Fahrer, egal wie steil das Gefälle und wie hoch die Ausladung des Fahrzeugs ist.

Unser Fazit

Natürlich ist es wirtschaftlicher, auf unserer Teststrecke mit einem Scania R450 (25,24 l/100 km) statt mit einem S730 (28,52 l/100 km) unterwegs zu sein, aber muss man immer vernünftig sein? Scania bestätigt mit diesem Premium-Fahrzeug die ganze Kompetenz, die das Unternehmen im schweren Nutzfahrzeugbau hat. Zu Recht ist das Fahrzeug zum „Truck of the Year 2017“ gewählt worden.


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