Vorsprung durch Sparsamkeit


Der Scania R 450 setzt eine neue Bestmarke im Verbrauch

Tester Harald Pröll hat mit dem R 450 den besten Verbrauchswert auf der Blickpunkt-Teststrecke gefahren.

Die Auszeichnung zum umweltfreundlichsten Nutzfahrzeug 2017 wurde heuer Scania zuteil. Der R 450 Highline aus der „Next Generation“ ist Green Truck 2017. Mit günstigen Verbrauchswerten und Treibhausgas-Emissionen von 752 g/km ist er eindeutiger Sieger im Umweltranking 2017. Für den sparsamen Verbrauch dieses „Brot und Butter“-Typs aus dem Scania-Sortiment mag sein 12,7 l-Sechszylinder in Kombination mit Active Prediction mit verantwortlich sein. Die Dimension unseres in „Fiction blue“ lackierten Testwagens beeindruckt auch mit dem etwas kleineren R-Fahrerhaus ebenso wie mit der größeren S-Kabine (Testbericht ebenso in dieser Ausgabe). Über dem imposanten Kühlergrill geht die Frontscheibe in die leicht ansteigenden Seitenscheiben über. Wir erkennen an der dynamischen Linienführung des Fahrzeugs, dass die Techniker der Aerodynamikabteilung dem Luftwiderstand einen besonders hohen Stellenwert zugewiesen haben. Alle Kanten und Ecken wurden stromlinienförmig ausgeführt, die Spaltmaße reduziert und sogar der Unterboden wurde analysiert und optimiert, um dem Fahrtwind so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Der in Wagenfarbe lackierte Stoßfänger reicht bis fast auf die Fahrbahn, was einerseits der Aerodynamik und andererseits der Sicherheit durch einen verbesserten Unterfahrschutz zugutekommt. Dieser weiterentwickelte Unterfahrschutz soll verhindern, dass ein Pkw im Falle einer Kollision unter den Truck geschoben wird. Die der Scania-Linienführung angepassten Seitenverkleidungen sorgen für ein stimmiges Gesamtbild.

Fahrerarbeitsplatz

Wir steigen über drei rutschfeste Stufen bequem in die R-Kabine ein und vernehmen beim Schließen der Tür ein einzigartig leises Geräusch, so wie wir es aus der gehobenen Pkw-Klasse kennen. Im Innenraum sind gedämpfte Töne und dezente Noblesse angesagt. Wir nehmen auf dem komfortablen, vielfach verstellbaren Fahrersitz Platz und finden mit dem in Höhe und Neigung stufenlos verstellbaren Multifunktionslenkrad vor uns gleich eine ideale Sitzposition. Insgesamt ist das R-Fahrerhaus um 5 cm in der Länge und um immerhin 16 cm in der Höhe (Highlinedach) gegenüber dem Vorgängermodell gewachsen, was zu einem hervorragenden Raumgefühl führt. Durch die neue Sitzposition des Fahrers, die nun um 65 mm nach vorne und um 20 mm nach außen versetzt wurde, ein leicht abgesenktes Armaturenbrett und schmale A-Säulen wird uns eine deutlich verbesserte Rundumsicht ermöglicht. Auch die elektrisch verstell- und beheizbaren Außenspiegel erlauben uns eine ideale Sicht sowohl im Spiegel als auch daran vorbei. Die Materialien des Armaturenbretts sind hochwertig ausgeführt und die Informationen der wichtigsten Instrumente werden sowohl analog als auch digital dargestellt und sind klar abzulesen. Zwischen Geschwindigkeitsanzeige und Drehzahlmesser befindet sich mittig ein zentrales Display, das uns eine Menge von weiteren Informationen zur Verfügung stellt. Ein rechts vom Fahrer positioniertes Infotainment-System mit 7"-Farbbildschirm, mit einem Navigationssystem und einer Bluetooth-Schnittstelle für zwei unterschiedliche Mobiltelefone sorgt dafür, dass der Fahrer den richtigen Weg einschlägt und nebenbei etwas Unterhaltung genießen kann. Über das Leder-Multifunktionslenkrad können wir Tempomat sowie Radio/CD und viele weitere Funktionen bedienen, ohne die Hände vom Lenkrad nehmen zu müssen. Die Bedienelemente sind logisch angeordnet und für den Fahrer leicht zu erreichen. An den in der Türverkleidung platzierten Lichtschalter habe ich mich inzwischen schon gewöhnt. Da unser Testfahrzeug mit dem „single driver concept“ ausgestattet wurde, ist nur eine bequeme Liege, aber dafür außerordentlich viel Stauraum vorhanden.

Schlanke Strukturen am Arbeitsplatz. Der Armaturenträger ist deutlich kompakter als vorher.

Motor und Getriebe

Unsere Testfahrt starten wir im sparsamen Eco-Mode mit einer Geschwindigkeitseinstellung von 80 km/h. Angetrieben wird unser Test Lkw von einem Scania DC13-Motor. Der Reihensechszylinder-Dieselmotor mit Abgasturbolader liefert eine maximale Leistung von 450 PS bei einer Drehzahl von 1.900 U/min und ein maximales Drehmoment von 2.350 Nm über den breiten Drehzahlbereich von 1.000–1.300 U/min. Zur Erfüllung der Abgasnorm 6 setzt Scania auf eine reine SCR-Lösung (selektive katalytische Reduktion). Überarbeitete Brennräume, neue Injektoren und ein direkt angetriebener Kühlerlüfter zählen zu den Neuerungen, um einen geringeren Kraftstoffverbrauch zu ermöglichen. Eine allgemein höhere Betriebstemperatur und die thermostatische Ölkühlung sollen weitere Einsparungen bringen. Der Motor überzeugt uns durch seine hervorragende Laufruhe und überträgt keinerlei Vibrationen in den Innenraum. Wir erklimmen die steilsten Steigungen am Semmering bei voller Ausladung mit immerhin 46 km/h. Insgesamt überrascht uns der 450er-Motor mit seinem für seine Klasse sehr antrittsstarken und durchzugsstarken Auftritt. Das unglaublich schnell schaltende Scania Opticuise-Getriebe GRS905R unterstützt uns hervorragend auf unserer Bergfahrt. Es handelt sich dabei um ein automatisiertes Schaltgetriebe mit zwölf Gängen mit zusätzlichen zwei Crawler- und zwei Retourgängen. Dieses Getriebe verfügt nun über eine Vorgelegewellenbremse, welche die Schaltzeiten beim Hochschalten erheblich reduziert. Diese schnellen Schaltzeiten führen zu verkürzten Zugkraftunterbrechungen, einem verbesserten Aufrechterhalten des Ladedrucks und einem noch weicheren Schaltgefühl, was sich besonders bei schwierigen Bedingungen als Vorteil erweist.

Bremsmanagement

Auf dem steilen Gefälle bei der Abfahrt vom Semmering bietet uns das Fahrzeug mit seinem tiefen Schwerpunkt hohe Stabilität in den Kurven und Sicherheit mit seinen starken Bremsen. Die Position der Vorderachse wurde um 50 mm nach vorne verschoben, was beim heftigen Bremsen die Einfederung des Fahrzeuges vermindert. Verzögert wird unser Test-Truck durch eine Zweikreis-Druckluft-Bremsanlage mit Scheibenbremsen rundum. Eine automatische Motorbremse (Auspuffklappenbremse) leistet bis zu 256 kW und der Scania Retarder R4100D (mit Freilauffunktion) eine maximale Bremsleistung von 500 kW. Solch eine leistungsfähige Bremsanlage sorgt auch bei voller Ausladung und starkem Gefälle immer für ein sicheres Gefühl beim Fahrer.

Die Rundinstrumente mit analog operierendem äußerem Kranz samt digitalen Anzeigen auf einem inneren Zirkel.

Assistenzsysteme

Natürlich ist unser Testfahrzeug mit allen Sicherheitsextras ausgestattet. Die erweiterte Notbremsfunktion (AEB, Advanced Emergency Brake) erkennt mit Verwendung einer Kamera und Radar, was vor dem Fahrzeug gerade passiert, um eine Kollision mit vorausfahrenden Fahrzeugen so weit wie möglich zu vermeiden. Das elektronische Bremssystem EBS sorgt bei der Betätigung der Bremsen für ein sofortiges Ansprechen bzw. für ein schnelles Lösen der Bremsen. Das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) sorgt mit seinen Steuermechanismen dafür, dass das Fahrzeug in Notsituationen und bei unangemessenen Geschwindigkeiten noch lange kontrollierbar bleibt. Der Spurhalteassistent (LDW, Lane Departure Warning) erkennt automatisch Fahrbahnmarkierungen und warnt den Fahrer, wenn sich der Truck zu sehr der Gegenfahrbahn oder dem Fahrbahnrand nähert. Die Abstandsregelung ACC sorgt für eine konstante und sichere Distanz zwischen den einzelnen Fahrzeugen. Ein Hillholder verhindert das unbeabsichtigte Zurückrollen. In das Fahrerhausdach sind revolutionäre Seitenairbags integriert, die den Fahrer beim Umkippen bzw. Überschlagen des Fahrzeugs schützen sollen. Unser Fahrzeug ist auch mit dem eingangs erwähnten GPS-gestützten Tempomat (CCAP, Cruise Control Active Prediction) ausgestattet. Er wurde mit drei neuen Funktionen ausgerüstet, die den Kraftstoffverbrauch weiter senken sollen. Es ist dem Fahrer nun möglich, die Mindestgeschwindigkeit des Tempomats zu variieren. Im Eco-Modus waren minus 12 % der gesetzten Geschwindigkeit fix vorgegeben. Nun können wir in diesem Modus auch minus 10 % und minus 8 % wählen. Im Standard-Modus kann nun zwischen minus 6 %, minus 4 % und minus 2 % gewählt werden. Obwohl wir verschiedene Mindestgeschwindigkeiten einstellen können, fahren wir unseren Test wie bereits erwähnt im Eco-Modus mit einer Tempomatgeschwindigkeit von 80 km/h und einer eingestellten Mindestgeschwindigkeit von minus 12 % (ca. 70 km/h), mit der das Fahrzeug am sparsamsten sein soll. Die neue „Pulse and Glide“-Funktion ermöglicht es, die kinetische Energie auch zu nützen, wenn das Gefälle zu flach ist, um die Fahrgeschwindigkeit mit Eco-roll aufrechtzuerhalten. Der Truck steigert die Geschwindigkeit leicht (Pulse), um eine längere Eco-roll-Phase (Glide) zu erreichen. Auf der Teilstrecke von Natschbach nach Guntramsdorf fällt uns diese Funktion besonders auf, da sie immer wieder ein leichtes Gefälle aufweist. Der Truck beschleunigt auf 82 km/h, um danach in scheinbar endlosen Eco-roll-Phasen den Schwung auszunützen. „Downhill Speed Control with Active Prediction“ ist eine vom Werk nicht aktivierte neue Funktion, welche die Geschwindigkeit am Ende eines Gefälles in die Ebene derart mitnimmt, dass ein Eintrag am Tachografen vermieden wird. Da wir den Bremstempomat auf 90 km/h gestellt haben, ist ein Eintrag auf die Fahrerkarte sowie so kein Thema. Diese Funktion könnte vom Besitzer nachträglich aktiviert werden.

Unser Fazit

Der Scania R 450 kann die Erwartungen vieler Transportunternehmer mehr als gut erfüllen. Mit einem Treibstoffverbrauch von 25,24 l konnten wir auf unserer anspruchsvollen und vor allem praxiskonformen Teststrecke einen absoluten Bestwert erreichen. Auch die Fahrleistungen sind für diese Leistungsklasse überdurchschnittlich gut. Das Fahrzeug meisterte auch die steilsten Steigungen unserer Teststrecke gelassen. Scania hat es mit dem R 450 geschafft, in einem Fahrzeug hervorragende Verarbeitung, hohen Komfort und höchste Wirtschaftlichkeit zu vereinen.


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