Rekordjagd


Die Bullen von IVECO Magirus dominierten die Truck Race Trophy 2017 in Spielberg

Als die Truck Racer vor der „großen Pause“ letztmals auf dem damaligen A1-Ring gastierten, war einer der ganz Großen dieser Sportart schon zwei Jahre lang nicht mehr dabei. Steve Parrish beendete seine Truck Race Karriere 2001 mit zuletzt durchwachsenen Resultaten. Trotzdem ist der kauzige Brite bis dato der erfolgreichste Truck Racer. Der vormalige Motorradrennfahrer, der für seine schrägen Scherze bei Freund und Feind gefürchtet ist, gewann die Einzelwertung der Europameisterschaft (damals war es genau genommen noch ein Cup) fünfmal. Erst jetzt, 21 Jahre nachdem Parrish seinen letzten Titel geholt hat, könnte ein Fahrer mit dem Rekordhalter gleichziehen. Jochen Hahn ist eigentlich auch schon fünffacher Europameister, doch einer der Titel ist die im vergangenen Jahr parallel zum Einzeltitel gewonnene Teamwertung. Die ist, ähnlich wie in der Formel 1, ein Zuckerl, das man gerne mitnimmt, wenn es sich gerade ausgeht. Prestige verspricht allerdings nur der Triumph in der Einzelwertung, die Hahn 2011, 2012, 2013 und im vergangenen Jahr gewinnen konnte. Parrish wird es übrigens wenig stören, wenn einer der aktuellen Rennfahrer seinen Rekord egalisiert oder sogar überflügelt. Der Brite dürfte sich eher darüber wundern, warum das so lange gedauert hat.

Prominente Verfolger: Ex-Europameister Norbert Kiss (24) sowie Adam Lacko (55) treiben Lokalmatador Markus Altenstrasser um den Red Bull Ring.

Schafft der aktuelle Europameister die Titelverteidigung und damit den Rekord für die Geschichtsbücher? Spannend wird die Frage auch vor dem Hintergrund des spektakulären Markenwechsels. Der Champion erklärte bekanntlich kurz vor dem Ende der letztjährigen Saison, die langjährige Partnerschaft mit MAN zu beenden und künftig einen IVECO Race Truck zu pilotieren. Marke hin oder her: Beim Saisonauftakt war es dann doch wieder Hahn, der die Höhe der Messlatte definierte. Der Altensteiger startete nervös und musste seinen neuen IVECO-Renner einige Male nachjustieren, ehe es rund lief für ihn und er nach dem Auftaktrennen der FIA European Truck Racing Championship ganz oben auf dem Stockerl stand.

Viel Feind, viel Ehr: Für einen Gelegenheitsracer wie Markus Altenstrasser im IVECO ist es schwer, sich gegen die Routine von Ex-Champion Antonio Albacete – er fährt den MAN von Trucksport Bernau – zu behaupten.

Ehe es soweit war, hatten die angetretenen Fahrer schon fast zwei ereignisreiche Tage hinter sich. Wie schon im vergangenen Jahr war zunächst das Wetter das bestimmende Thema in Spielberg. Zum Glück für die VIPs und Medienvertreter kam die gewaltige Schlechtwetterfront erst am Freitagnachmittag in der Steiermark an. Die beliebten Taxifahrten konnten also noch auf trockenem Geläuf durchgezogen werden. An ein praxisgerechtes Testen und eine optimale Feinjustierung der sensiblen Renngeräte war dann im freien Training nicht zu denken. Das bestand aus einer einstündigen Session, an der alle „Taxifahrer“ als Belohnung für ihre Mühen teilnehmen durften, sowie aus zwei Halbstundenblöcken, die Teil des von der FIA vorgegebenen Ablaufs sind. Der finale Teil des Programms wurde von der Rennleitung nach zahlreichen Ausrutschern und aufgrund der fast unbefahrbaren Rennstrecke auf Samstagvormittag verlegt und dort zweigeteilt ins Programm gequetscht. Danach begann die neue Saison, wie die alte geendet hatte: Hahn schnappte sich mit knappem Vorsprung die erste Pole-Position des neuen Jahres. Die Überraschungen folgten erst auf den Plätzen: Hahns letztjähriger Konkurrent, der Tscheche Adam Lacko, war offenbar nicht in Bestform auf den Red Bull Ring gekommen, er beendete das erste Qualifying lediglich an achter Position. Als hartnäckige Verfolgerin etablierte sich dafür die einzige verbliebene Dame im Starterfeld (Ellen Lohr hat ja zum Ende der Saison 2016 dem Truck Racing Adieu gesagt). Steffi Halm war in ihrem schnellsten Umlauf lediglich um 138 Hundertstelsekunden langsamer als der Europameister in seinem neu aufgebauten weiß-blauen IVECO. Eine famose Leistung und kein Zufall, denn Halm bestätigte ihre bestechende Form auch im ersten Championship Race, das sie ebenfalls auf dem Silberrang zu Ende fuhr. Nach 20 Runden auf dem hügeligen Kurzkurs kam die deutsche Rennfahrerin mit deutlichen acht Sekunden Vorsprung vor Gerd Körber ins Ziel, der in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum als Truck Racer feiert. Was zwar auf den Zuschauerrängen niemand interessiert, aber das Selbstbewusstsein der jeweiligen Protagonisten stärkt: Halm wurde in diesem Lauf mit der schnellsten Rennrunde gestoppt. Mit ihr wird also auch in der Saison 2017 zu rechnen sein!

Licht und Schatten: Am ersten Tag landete der Portugiese einen Überraschungscoup, als er das zweite Championship Race gewann. Am Sonntag fand sich der schnelle Iberer nach einem Zweikampf mit André Kursim im Kiesbett wieder.

Im zweiten Rennen entpuppte sich Lokalmatador Markus Altenstrasser als der entscheidende Akteur. Der Oberösterreicher durfte als Achter des ersten Laufs im Rennen 2 von der Pole-Position aus starten (was leider das einzige Erfolgserlebnis des IVECO-Piloten an diesem Wochenende bleiben sollte). Schon kurz nach dem Start wurde Altenstrasser vom Portugiesen Jose Rodrigues abgefangen, der sich an die Spitze des Feldes setzte und sich allmählich einen respektablen Vorsprung erarbeitete, während sich der Österreicher abmühte, die drängelnde Meute in Zaum zu halten. Das gelang Markus lange Zeit ziemlich gut, doch wie das so ist im Motorsport: Wenn die Verfolger aufgefädelt wie eine Perlenkette am Heck kleben, kommt das Verlassen der Ideallinie einem Dammbruch gleich. Der passierte ungefähr nach zwei Dritteln der Renndistanz, da wurde Altenstrasser dann gnadenlos durchgereicht und konnte die Hoffnung auf einen Podestplatz innerhalb weniger Sekunden begraben. Am Ende reichte es immer hin noch zu einer Platzierung in den Punkterängen und damit zu einem Achtungserfolg – der Teamkollege von Gerd Körber wurde Neunter.

Der amtierende Europameister Jochen Hahn startet erstmals mit IVECO.

Am Sonntag drehte die kampferprobte Steffi Halm den Spieß um und verwies Jochen Hahn im Qualifying auf den zweiten Platz. Der Champion versuchte dann im Rennen, seine Landsfrau – beide kommen aus dem Bundesland Baden-Württemberg – unter Druck zu setzen. Doch Halm ließ sich nicht kirre machen und freute sich anschließend verdient über ihren ersten Sieg in einem EM-Rennen mit regulärem Start. Erfolge in Rennen mit reverse grid hatte die Amazone bereits mehrere vorzuweisen, doch mit diesem Triumph hat sich Halm endgültig in der Spitzengruppe etabliert. Das finale Championship Race entschied dann wieder der amtierende Europameister für sich, vor Adam Lacko, der damit zumindest einen einigermaßen versöhnlichen Abschluss des Wochenendes schaffte. Altenstrasser war da schon nicht mehr dabei, nach einem Crash im ersten Sonntagsrennen musste er den Ausflug in die Steiermark vorzeitig beenden.

Wahrhaftes Championat: vor dem IVECO Stralis TCO2-Champion das IVECO Rennteam Jochen Hahn (Mitte), Gerd Körber und Markus Altenstrasser, flankiert von den beiden IVECO Austria Geschäftsführern Martin Stranzl (li.) und Mag. Karl Martin Studener (re.)

Im Industriepark fiel vor allem das Fehlen des Commander Club auf. Weil der Club nicht auf die bewährte und ansprechende Infrastruktur aus München zurückgreifen konnte (die wurde zeitgleich auf einer anderen MAN-Veranstaltung eingesetzt) hatte man sich entschlossen, in diesem Jahr zu pausieren. Mag. Franz Weinberger kam als Privatperson nach Spielberg und sah sich die Rennen entspannt von der Zuschauertribüne aus an: „Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr wieder klappt. Wenn wir da die bekannten Veranstaltungstrucks für uns nutzen können, werden wir selbstverständlich wieder präsent sein“, kündigte Weinberger an. Wie gehabt präsentierten sich Scania, IVECO und Renault/Volvo in Spielberg und nutzten das entspannte Umfeld, um sich den jeweiligen Markenfreunden zu präsentieren und potenzielle Neukunden anzusprechen. Volvo hatte den alten Haudegen und Ex-Truckeuropameister Boije Ovebrink in die Steiermark entsandt, um dort mit dem aufgemotzten Rekordtruck Iron Knight die Zuschauer zu beeindrucken. Die Veranstalter registrierten nach eigenen Angaben insgesamt 18.000 Besucher – vermutlich war der Termin am Muttertag ausschlaggebend dafür, dass die 20.000er-Marke nicht geknackt wurde.


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