Präzision im weißen Haus


Test: Der Actros 1846 mit kleinem, aber starkem Sechszylinder OM470 überrascht mit Sparsamkeit.

Unser Testwagen: Mercedes-Benz Actros 1846 Stream Space, mit neuem Antrieb und Active Brake Assist 3

Unser Test des Mercedes-Benz Actros 1846 auf der Blickpunkt-Teststrecke kann als Besonderheit verbucht werden, weil das Flaggschiff aus Stuttgart von der neuen Spitzenversion der Motorenbaureihe OM 470 LA angetrieben wird. Und das ist etwas deutlich anderes als der alte OM 401 V6. Der neue Motor ist von gänzlich anderer Machart: Zwei obenliegende Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, einteiliger Zylinderkopf, hochfester Motorblock, Common Rail-Einspritzung mit Druckverstärkung, asymmetrischer Turbolader und eine aufwändige Abgasrückführung – das ist die ausschlaggebende Mixtur für dieses 10,7 l-Kraftpaket, das es auf 456 PS bei nur 1.600/min bringt und zudem mit 2.200 Nm bei 1.100/min dieselbe Power entfaltet wie der 449 PS starke und 12,8 l große OM 471. Das Familien-Update inkludiert auch das Einspritzsystem X-Pulse. Hinzu kommt eine neue, patentierte Lösung für die Abgasrückführung und die gleichzeitige Steuerung des Abgasturboladers – Letzterer ein hochpräzises Bauteil, das Mercedes-Benz für die neue Motorengeneration selbst entwickelt hat und im Motoren-Fertigungszentrum Mannheim auch selbst produziert. Typisch für die neueste Generation des OM 470 ist bei unveränderten Maximalwerten ein sehr steiler Anstieg von Drehmoment und Leistung im mittleren Drehzahlbereich. Das macht die Absenkung der Nenndrehzahl von 1.800/min auf 1.600/min möglich. Dabei bleibt der nutzbare Drehzahlbereich jedoch bis 1.900/min erhalten; mit Blick auf die Fahrarbeit in anspruchsvoller Situation eine wettbewerbsüberlegende Auslegungsphilosophie der neuen Maschine. Aufgrund des exklusiven Mercedes-Benz Brennverfahrens ist diese Arbeitsweise mit guten Verbrauchswerten bei bester Fahrleistung vereinbar. Auf unserer Testfahrt beeindruckt das gefinkelte Motoren-Konzept. Die steilen Anstiege zum Semmering-Pass meistert der Testwagen mit 41 km/h im neunten Gang, was für ein voll ausgeladenes Fahrzeug mit 456 PS ein durchaus guter Wert ist. Auf unserer praxisgerechten Teststrecke (dafür loben uns viele Transportunternehmer – vielen Dank an dieser Stelle) konnte sich der Actros 1846 mit dem neuen Motor mit einem Verbrauch von 25,85 l/100 km unter die sparsamen Testprobanden einreihen.

Pepp muss sein: Edelstahl-Kiemen in der Seitenverkleidung strahlen kräftig im Sonnenlicht.

Stream Space-Kabine

Apropos niedriger Kraftstoffverbrauch: Dazu beitragen dürfte auch der geringe Luftwiderstand des aerodynamisch bestens geformten Fahrerhauses. Die neu geformte Kante des Bugspoilers macht sich gut. LED-Scheinwerfer, Bi-Xenon-Leuchten und Nebelscheinwerfer passen sich gut in die Front ein und bescheren beste Sicht nach vorne, die LED-Seitenstrahler und LED-Rückleuchten bieten zusätzliche Sicherheit. Und natürlich ist der Stern beleuchtet. Die Außenspiegel sind passend zum Fahrerhaus in Wagenfarbe lackiert, ein Teil der Spiegelblenden ist verchromt. Die aus Edelstahl gefertigten Kiemen in der Seitenverkleidung strahlen in der Sonne kräftig. Nachdem wir die vier rutschfesten Stufen ins 2,5 m breite Fahrer-Castle hinter uns haben, lassen wir den 1,97 m Stehhöhe bietenden Innenraum zunächst angenehm auf uns wirken. Eigentlich sehr komfortabel, hier zu arbeiten. Die Massage auf dem klimatisierten Fahrersitz tut richtig gut, die Teppicheinleger haben Wohnzimmer-Charakter. „Style-Line“ nennt sich das Interieur, was wohl von den hochwertigen Oberflächen in Chrom- bzw. Metall-Optik hergeleitet werden kann. Das 4-Speichen-Multifunktionslederlenkrad liegt gut in der Hand und die jeweiligen Bedientasten können vom Fahrer ohne Ablenkung erreicht werden. Die einzelnen Instrumente sind besonders übersichtlich angeordnet und klar gezeichnet. In der Mitte zwischen analoger Geschwindigkeitsanzeige und Drehzahlmesser ist eine Multifunktionsanzeige positioniert, die den Fahrer über den Status des Fahrzeuges informiert. Im oberen Bereich der zum Fahrer hin orientierten Mittelkonsole ist ein hochwertiges Radio-/Navigationssystem mit Bluetooth-Freisprecheinrichtung verbaut. Eine Klimaautomatik mit automatischer Steuerung von Innenraumtemperatur, Gebläse und der Luftverteilung sorgt für angenehmes Raumklima. Insgesamt sind alle Bedienelemente überschaubar angeordnet und leicht zu erreichen.

Fein aufgeräumt dank vieler großer Staufächer

Viel Platz am Lenkrad und beim Durchstieg, Stream Space Kabine mit Interieur „Style Line“

Großzügiger Klapptisch vor dem Beifahrersitz

PowerShift weiter optimiert

Die Kraftübertragung in unserem Truck gewährleistet die serienmäßige Schaltautomatik Mercedes-Benz PowerShift 3 mit dem Direktganggetriebe G 221-12. Im Modelljahr 2017 wurden die Schaltboxen der 12-Gang-Baureihe weiter verbessert und arbeiten jetzt mit noch höherem Wirkungsgrad und reduzierter Reibung. Von besonderer Wichtigkeit für die Effizienz des Getriebes sind die Zahnräder der Vorschaltgruppe, da sie immer mitlaufen. Daher veredelten die Techniker von Mercedes-Benz die Oberflächen der Zahnflanken mit dem so genannten „Superfinish-Fertigungsverfahren“. Mit dieser Technik gelang es, die Gleitreibung auf ein Minimum zu senken. Als Premiere in der Branche setzt Mercedes-Benz nun eine Klauenschaltung statt der früher verwendeten Synchronisierung ein. Dadurch werden nicht nur die Schaltvorgänge zwischen den Gängen sechs und sieben beschleunigt, sondern auch das Gewicht verringert und der Verschleiß reduziert. Die Ölmenge des Getriebes wurde um 3 l vermindert und ein neues synthetisches Getriebeöl mit niedriger Viskosität kommt zum Einsatz. Dadurch konnten die Planschverluste im Getriebe gesenkt werden. Gesteuert wird das Getriebe über den rechten Lenkstockhebel. Mit einem Wahlschalter können wir zwischen der automatischen und der manuellen Betriebsart wechseln, was auch während der Fahrt möglich ist. Elektronikseitig sind zwei Fahrprogramme vorhanden, „standard“ und „economy“. Im economy-Modus wird die Maximalgeschwindigkeit auf 85 km/h beschränkt und EcoRoll dauerhaft aktiviert. Wir merken die verbesserten Schaltabläufe durch weichere und schnellere Gangwechsel, wodurch die Zugkraftunterbrechung verkürzt wird.

Im Fall eines Festfahrens der Sattelzugmaschine könnten wir über einen Wippschalter den Freischaukelmodus aktivieren und damit das Fahrzeug wieder flott machen.

Predictive Powertrain Control (PPC)

Um den Kraftstoffverbrauch weiter zu senken, hat Mercedes-Benz den vorausschauenden Tempomat Predictive Powertrain Control (PPC) ausgefeilt. Durch die Verknüpfung des Mercedes PowerShift 3 mit GPS-Kartenmaterial werden die Schaltzeitpunkte und die Tempomatgeschwindigkeit in Hinblick auf den Kraftstoffverbrauch des Fahrzeugs vorausschauend optimiert. Um noch präzisere Vorhersagen über ansteigende und abfallende Streckenpassagen möglich zu machen, wurden die Kartendaten für das Modelljahr 2017 auf den neuesten Stand gebracht. Der Geschwindigkeitsregler ist gleichzeitig mit der EcoRoll Funktion gekoppelt, die unter bestimmten Voraussetzungen einen „kontrollierten Freilauf“ erlaubt. Das Freilaufsystem arbeitet auf der leichten Gefällestrecke der A2 zwischen Wöllersdorf und Guntramsdorf so gefühlvoll, dass für uns oft nur am Drehzahlmesser zu erkennen ist, ob das System gerade aktiv ist oder nicht, um Kraftstoff zu sparen. Mit PPC beschleunigt, rollt und schaltet der Actros wie ein weit vorausschauender Fahrer mit bester Streckenkenntnis. Wir fuhren bei unserer Testfahrt im Economy-Betriebsmodus und wählten eine Tempomatgeschwindigkeit von 80 km/h. Die Grenzgeschwindigkeit beim Überschwung stellten wir dabei auf +4 km/h und für den Unterschwung auf –5 km/h. Damit fanden wir einen guten Kompromiss zwischen Leistung und Sparsamkeit. Die Idee der weiterentwickelten PPC-Technik ist es, die den Dieselverbrauch noch ein wenig mehr als bisher absenkt.

Active Brake Assist 3

Um unser Fahrzeug sicher zum Stillstand zu bringen, ist es rundum mit innenbelüfteten Scheibenbremsen und mit einer High Performance-Motorbremse mit einer Bremsleistung von bis zu 340 kW bei 2.300/min ausgestattet. Beim Befahren des steilen Gefälles auf der S6 bei Schottwien in Richtung Natschbach mussten wir dann schon die Betriebsbremse (bei voller Ausladung) zu Hilfe nehmen, damit wir die Geschwindigkeit halten konnten. Höchste Sicherheit bietet unser Truck mit dem Active Brake Assist 3 (ABA 3). Dieses System überwacht im Normalbetrieb mit seinem Radar das Verkehrsgeschehen vor dem Lkw. Droht eine Kollision, warnt der Active Brake Assist 3 den Fahrer zunächst durch einen akustischen Warnton und ein optisches Signal im Display. Reagiert der Fahrer auch nach optischer und akustischer Warnung nicht auf die vom System festgestellte gefährliche Situation, dann führt der Active Brake Assist 3 selbstständig eine Teilbremsung mit 50 % der maximalen Bremsleistung aus. Reagiert der Fahrer auch nach der Teilbremsung nicht auf die vom System festgestellte Gefahrensituation, dann führt der Active Brake Assist 3 selbstständig eine Vollbremsung aus. Natürlich geschieht die Vollbremsung zum Schutz nachfolgender Fahrzeuge mit automatischer Aktivierung der Warnblinker.

Rundinstrumente, praktische Menüführung

Außenspiegel in Wagenfarbe, zum Teil verchromte Spiegelblenden

Gutes Sehen und Gesehenwerden mit der Beleuchtungsanlage des Actros 1846

Weniger ist mehr: 10,7 l großer und 456 PS starker OM 470, natürlich mit SCR-Technik Bluetec


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